Der Gastkommentar

Cornalin: Launische Diva mit Star-Allüren.

Peter Keller ist Weinredaktor der NZZ am Sonntag und führt regelmässig Weinseminare für die Leser durch. Zudem arbeitet der Weinakademiker für den Coop-Weinclub Mondovino, wo er für das Raritäten-Sortiment aussergewöhnliche Trouvaillen selektioniert.

Bevorzugterweise fahre ich nach Zermatt in die Skiferien. Der berühmte Ort mit dem noch berühmteren Matterhorn bietet abwechslungsreiche Abfahrten – und schöne Skihütten mit exzellenter Gastronomie. Zum Essen oder zum Apéro wird jeweils ein schönes Glas Wein kredenzt, selbstredend aus dem Wallis. So viel Patriotismus muss sein!

Verdursten muss niemand, denn das grösste Anbaugebiet der Schweiz bietet eine breite Palette an stilistisch unterschiedlichen Gewächsen aus einer Vielzahl von bekannten Sorten und exotischen Vertretern. Stets auf meinem Menü steht der Cornalin, die älteste Walliser Rebsorte. Sie soll dort bereits im 14. Jahrhundert heimisch gewesen sein, allerdings unter dem Namen Rouge du Pays. Der historische Name hatte bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts Bestand, wurde dann aber absichtlich in Cornalin umbenannt. Wohl darum, weil er einen guten Klang hatte und vor allem schon als Sorte im benachbarten Aostatal bekannt war. Die beiden Varietäten haben jedoch nichts miteinander zu tun, zumal der «italienische» Cornalin im Wallis Humagne rouge genannt wird. Durchaus verwirrend!

Der Walliser Veteran hat sich heute etabliert, obwohl er Mitte des 20. Jahrhunderts fast vor der dem Aus gestanden hatte. Aus nachvollziehbaren Gründen: Cornalin ist launisch in der Produktion, reift spät und liefert unregelmässige Erträge. Da wollten viele Winzer lieber auf sicher gehen und wendeten sich attraktiveren Rebsorten zu, die ein gewisses Mass an Sicherheit boten und auch den breiten Konsumentengeschmack besser trafen. Hartnäckigkeit, Geduld und wohl eine Portion Walliser Sturheit waren der Grund, dass es die rote Diva glücklicherweise heute noch zu geniessen gibt.

Zu einer langen Lagerung ist der Cornalin problemlos in der Lage. Doch es gibt auch die andere Seite der Sorte. Wenn das Wetter nicht mitspielt und die Varietät in wenig geeigneten Rebgärten gepflanzt wird, kann der Wein ziemlich rustikal, wenig harmonisch und zu säurebetont ausfallen. Stimmen jedoch alle Parameter, werden aus der roten Mimose spannungsreiche, charismatische Weine gekeltert. Sie zeichnen sich durch fruchtige, schwarze Kirschenaromen, würzigen Nelkennoten, Kraft, dichte, seidene Tannine, Struktur und Komplexität aus. Nach einer gewissen Reifezeit wird der Wein vornehmer, finessenreicher und eignet sich hervorragend als idealer Essensbegleiter von Fleisch- und Wildgerichten.

Ob Cornalin oder eben Rouge de Pays, im Übrigen eine natürliche Kreuzung zwischen Petit rouge und Mayolet aus dem Aostatal, im Barrique oder nicht ausgebaut werden soll, ist eine Stil- und Geschmacksfrage. Zum Teil wird das kleine Holzfass bewusst eingesetzt, wobei der Anteil an neuem Holz nur gering ist. Zu viel neue Fässer würden Frucht und Finesse verschwinden lassen. Andere Produzenten setzen bewusst auf den Ausbau im Stahltank, um den Fruchtcharakter des Weins zu betonen. Dazu zählt das Haus Albert Mathier & Söhne, das einen aromatisch vielschichtigen Cornalin mit eleganten Fruchtnoten, Kraft, Eleganz und guter Länge erzeugt. Der feurige 2018er strahlt viel Wärme und Ausgewogenheit aus.

Cornalin ist und bleibt vorläufig ein Geheimtipp, obwohl er das Zeug zu einem Spitzenwein besitzt. Die Rebfläche ist im Wallis in den letzten Jahren zwar konstant gewachsen, ist aber mit rund 150 Hektaren vergleichsweise immer noch bescheiden. Selbst ausserhalb des Kantons wird der Wein wenig angeboten. Ich bin überzeugt, dass man nicht nur im eigenen Land damit punkten kann, sondern gar im Ausland. Das ist indessen wieder ein anderes Problem, denn nach wie vor beträgt der gesamte Export von Schweizer Weinen nicht viel mehr als ein Prozent. Da müssten wohl die Marketing-Anstrengungen massiv erhöht werden. Aber auch die Gastronomie, namentlich ambitioniertere Restaurants, wäre ein guter Multiplikator, den Wein bekanntzumachen und besser zu vermarkten – nicht nur die Gourmettempel an den Zermatter Skipisten.