HEIDA – DIE PERLE DER ALPENWEINE

Peter Keller ist Weinredaktor der NZZ am Sonntag und führt regelmässig Weinseminare für die Leser durch. Zudem arbeitet der Weinakademiker für den Coop-Wein-club Mondovino, wo er für das Raritäten-Sortiment aussergewöhnliche Trouvaillen selektioniert.

Chardonnay ist überall. Die weisse Rebsorte wird allerorten kultiviert. Das macht die «Marke» zwar in breiten Konsumentenkreisen populär, aber auch austauschbar. Viele Weine schmecken banal, meist dominiert von einer zu intensiven Holzaromatik, meist zu fett, meist zu wenig frisch. Das Schöne in der Weinwelt besteht darin, dass man ausweichen kann. Für jeden Geschmack gibt es etwas, und unzählige, zum Teil wenig bekannte und oft unterschätzte Sorten sorgen für Abwechslung sowie eine beeindruckende Vielfalt. Diesbezüglich ist das Wallis ein Eldorado. In dem mit fast 5000 Hektaren Rebfläche grössten Anbaugebiet der Schweiz werden mehr als 50 anerkannte Varietäten an-gebaut. Neben den allseits bekannten Chasselas, Pinot noir und Gamay findet der Geniesser etliche sogenannt autochthone oder einheimische Sorten. Bei den Roten seien der hochwertige Cornalin oder der ausdrucksstarke Humagne Rouge, bei den Weissen der Petite Arvine mit seinem leicht salzigen Abgang, der vielseitige Amigne oder der geschichtsträchtige Heida erwähnt. Aus diesen Trouvaillen werden nicht alltägliche, einzigartige Weine von verschiedenen Terroirs gekeltert. Da eröffnen sich spannende Welten abseits des Mainstreams!

Zu den Beispielen mit einer grossen Tradition zählt der Heida, der im Wallis erstmals 1586 in Visperterminen unter der Bezeichnung «Heyda» erwähnt wurde. Der Name wird heute im Oberwallis gebraucht, während im französisch sprechenden Unterwallis Païen verwendet wird. Die Sorte ist mit dem aus dem französischen Jura stammenden Savagnin Blanc identisch. Daher wird der Nord-osten Frankeichs auch als einer der möglichen Herkunfts-orte vermutet.

Zu Berühmtheit ist «die Perle der Alpenweine», wie der Heida gerne bezeichnet wird, vor allem dank dem An-baugebiet in Visperterminen gelangt. Die spektakulären, terrassierten Rebberge liegen bis auf 1150 Metern über Meer. Hierzulande geht es für den Weinbau nirgends höher hinauf. Aber ausserhalb der Schweiz gibt es in Spanien mehrere Rebberge, die unser Land überflügeln und über 1300 Meter liegen. Auf jeden Fall braucht Heida gute Lagen, damit er perfekt ausreifen kann. Weitere wesentliche Vorzüge: Die Trauben sind kleinbeerig, und die Sorte ist ertragsarm. Heute sind im Wallis rund 120 Hektaren damit bestockt; Tendenz steigend.

Erfreulicherweise nimmt die Zahl derer zu, die solche Spezialitäten geniessen wollen. Autochthon oder altein-gesessen bedeutet indessen nicht zwangsläufig eine hohe Qualität der Weine. Auch in diesem Bereich reicht die Bandbreite von industriell erzeugt über durchschnittlich bis hin zu Extraklasse. Nicht nur Lage und Herkunft spielen eine wichtige Rolle, sondern ebenso die Arbeit des Winzers.

Stimmen alle Parameter, entstehen aus Heida komplexe, gut strukturierte Weissweine mit einem guten Lagerpotenzial. Reife Trauben lagern viel Zucker ein. Dies äusserst sich bei diesem Wein darin, dass bis zu 100 Oechslegrade möglich sind. Der kräftige Körper braucht als Gegenpart eine entsprechende Säure für eine lebhafte Frische. Sehr oft wird die Sorte im Stahltank vergoren und ausgebaut. Es gibt jedoch Produzenten, welche den Wein stattdessen im Barrique, im kleinen Holzfass, reifen lassen. Auf dem Markt findet man zudem Beispiele, denen bei der Vinifikation bewusst eine gewisse Rest-süsse belassen worden ist. Es ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man diesen Stil mag oder nicht.

Von klassischer Machart ist der trockene Heida 2018 aus dem Hause Albert Mathier. Die Trauben stammen aus der Lage Esoggier im Unterwallis, die zur Domaine de Ravoire gehört. Nach der Ganztraubenpressung und der Saftgärung erfolgt ein rund halbjähriger Ausbau des Weins im Stahltank. Das Resultat ist ein aromatisch viel-schichtiger Wein mit Zitrus- und Kräuternoten, mit Kraft, gut integrierter Säure, schöner Struktur und guter Länge.

Ich bin überzeugt, dass eigenständigen, unverwechselbaren Sorten die Zukunft gehört. Ebenso gewinnen lokale Produkte weiter an Bedeutung, denn der Konsument will wissen, woher sie stammen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. In dieser Beziehung hat das Weinland Schweiz, und insbesondere das Wallis, exzellente Karten in der Hand. Nirgends ist die Auswahl an originellen Varietäten grösser als im bedeutendsten Anbaugebiet des Landes. Erfreulicherweise kommt die Tatsache dazu, dass die Qualität der Weine in den beiden letzten Jahrzehnten markant gestiegen ist. Einheimische Tropfen müssen keinen Vergleich mit der ausländischen Konkurrenz fürchten. Das gilt gleichermassen für Haupts-orten und Spezialitäten wie Heida.